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2015-07-08

Pilotprojekt im Bibelland - ( Sächsische Zeitung - Ausgabe Kamenz)

Bislang pilgerten auf dem „Arbeitsweg“ der Jugendstiftung Straftäter. Jetzt auch Freiwillige, die das Jobcenter ermahnte.

Von Frank Oehl


Projekte für gefallene Jugendliche, die wieder aufstehen sollen, gibt es einige im Land. Ein weiteres hat sich jetzt auf den Weg gemacht. Auf den „Arbeitsweg“. Oder „Pilgerweg“, ganz wie man will. Am Dienstag wurde es im Bibelland in Oberlichtenau erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Es gibt dem eh ambitionierten Programm „Zwischen den Zeiten“ der Sächsischen Jugendstiftung neuen Schwung.

Worum geht es? Bislang wurden jugendliche Straftäter, die zu gemeinnütziger Arbeit verdonnert worden waren, auf einen speziellen Trainingskurs geschickt. Für eine Woche ging es auf der Via Regia über 60 bis 80 Kilometer Fußmarsch zu Pilgerherbergen, wo übernachtet und am nächsten Tag gearbeitet wurde. Die Idee dazu hatte der Dresdner Sozialpädagoge Sven Enger schon vor fünf Jahren entwickelt. Nach einer Theorie von Lawrence Kohlberg. Man schaffe bewusst Dilemma-Situationen, die Jugendliche dazu bringen, Entscheidungen zu üben. Möglichst die richtigen, was in einer Gruppe leichter fällt, als arbeitslos allein vor der Glotze. Enger: „Im vergangenen Jahr haben wir 15 Touren mit mehr als 100 Teilnehmern gemacht.“ Und noch beeindruckender sind die großen Zahlen: Es wurden mehr als 1000 Kilometer absolviert und allein im Altkreis Bautzen 2650 gemeinnützige Arbeitsstunden geleistet. In dieses u. a. von der Sparkasse Bautzen unterstützte Programm sind seit Montag zum ersten Mal auch junge Leute zwischen 18 und 25 einbezogen, die dazu nicht von Gerichtswegen verpflichtet wurden, sondern freiwillig dabei sind. Das heißt, mehr oder weniger. Sie haben nämlich nicht nur einen erhobenen Zeigefinger vom Jobcenter Bautzen hinter sich. Weil sie Auflagen nicht erfüllten, wurden ihnen die Leistungen gekürzt.

Durchhalten bis Freitag

Tom aus Bautzen zum Beispiel bekommt kein Geld mehr von der Hartz IV-Behörde. „Ich war obdachlos und musste mich erst mal um eine Wohnung kümmern“, so der 20-Jährige. Er war am Dienstag sichtlich mit Spaß dabei, einen Hang am Bibelgarten zu terrassieren. „Wenn ich bis Freitag durchhalte, habe ich in eineinhalb Monaten wieder volles Geld.“ Das ist für einen jungen Mann ebenso wichtig, wie zu wissen, womit man später einmal seine Brötchen verdienen will. „Ich möchte Bäcker werden“, sagte Tom, der schon mehrfach Praktika an Backöfen absolviert hat. „Das macht mir Spaß, und das alte Handwerk darf doch nicht aussterben.“

Also, Tom und die anderen Projektmitmacher scheinen den ersten Marschtag gut überstanden zu haben. Am Montag ging es von Langebrück los, über immerhin auch schon 18 Kilometer. Richtig hart aber wird es erst am heutigen Mittwoch. Dann stehen sogar 30 Kilometer bis Schmochtitz auf dem Programm. Da wird der eine oder andere an Grenzen kommen, aber auch das ist gewollt. „Am Ende kann ein Erfolgserlebnis stehen“, meint der Projektleiter. „Die Truppe ist wirklich gut.“

Konkrete Aufgaben geben


Nutzen aus dem Projekt ziehen die Herbergen selbst. Sie bieten Kost und Logis für Arbeitskraft. Der CV Oberlichtenau um Geschäftsführer Maik Förster weiß das gerade in Zeiten des Mindestlohnes zu schätzen. „Mit der Jugendstiftung arbeitet unser Verein seit Längerem zusammen.“ Wichtig sei, den Pilgern auf dem „Arbeitsweg der Tugend“ konkrete Aufgaben geben zu könne, damit sie wirklich eingebunden sind. Das bestätigt auch Sven Enger: „Wir beweisen den jungen Leuten, dass es noch etwas anders gibt, als ihre bisherigen Lebensläufe. Nichts wäre schlimmer, als wenn sie um 9 Uhr dann nichts Sinnvolles zu tun hätten.“ Im Bibelland kann das nicht passieren. Während die einen den Hang bearbeiteten, haben andere Schalungen für ein Dach genagelt. Mit dabei der Projektchef. „Ich habe ja mal Dachdecker gelernt“, sagt Sven Enger. Der 44-Jährige packt, wie auch Maik Förster, selbst mit an. Nicht nur, damit was wird. Sondern auch der Vorbildwirkung wegen. Wenn die „Alten“ ranklotzen, wollen die „Jungen“ meist nicht nachstehen. Von Ausnahmen abgesehen.

„Es wäre gut, wenn das neue Projekt Erfolg hat“, sagt Enger. Zum Beispiel, weil es sich herumspricht. 13 Teilnehmer hatten sich angemeldet, sieben sind gekommen. Immerhin ein Anfang ...

SZ-Kommentar dazu:

Kommentar: Ein starkes Stück
Frank Oehl über den Pilgerweg für arbeitslose Jugendliche

Die Via Regia ist breiter, als man denkt. Sie ist längst keine Straße mehr, sondern eine Art Korridor, wie Bibelgärtner Maik Förster meint. Auf diese Weise ist auch Oberlichtenau mit seinem Bibelland dabei. Warum auch nicht? Seit Jahrzehnten bereits engagiert sich der christliche Verein nicht nur in Glaubensfragen, sondern handfest in der Mitte des Ortes. Dabei kann er immer wieder auf zupackende Hände vieler Mitmacher zählen. Dies allein nötigt Respekt ab, der manchmal im Dorf zu kurz kommt.

Was jetzt gemeinsam mit der sächsischen Jugendstiftung angeschoben wurde, muss unbedingt Schule machen. Nicht bereits straffällig Gewordene pilgern gemeinnützig auf dem Jakobsweg-Korridor, sondern junge Leute, die womöglich vor Gerichtsauflagen noch bewahrt werden können. Das Jobcenter sanktioniert strikt nach Recht und Gesetz jene, die Auflagen nicht erfüllt haben und bittet sie zu einer freiwilligen Pilgerwanderung. Wer arbeitet, bekommt Essen und einen Schlafplatz. Und wieder Geld vom Amt. Das ist ein starkes Stück. Und auch auf andere anwendbar, oder?

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