Aktuelles

2009-11-09

Das Keulenberg-Tor fällt nach der Mauer (Sächsische Zeitung - Kamenz)

aufgeschrieben von Reinhard Kärbsch

Roland Kirfe, heute 62 Jahre und Rentner, gehörte vor 20 Jahren zu einer Gruppe beherzter Bürger, die den freien Zugang zum Gipfel des Keulenberges forderten. Aus der Initiative ging ein Jahr später der Verein der Bergfreunde Keulenberg hervor.Foto: Matthias Schumann
Die Ereignisse überschlugen sich vor 20 Jahren um den 9.November herum nicht nur in Berlin und anderswo in der Republik. Auch in Oberlichtenau und am Keulenberg geschahen plötzlich Dinge, mit denen keiner rechnen konnte, obwohl es sich die meisten Bürger erhofften: Öffnung des eisernen Tores und eines martialischen Zaunes, die ein seit 1962 existierendes Sperrgebiet um den Gipfel des Keulenberges von der übrigen Welt abtrennten! Die Verantwortlichen der damals hier residierenden Zollverwaltung hatten den Zugang zu unserem Heimatberg einen Tag nach der Maueröffnung in Berlin klammheimlich freigegeben. Der Zaun war unsere kleine Mauer gewesen, und jetzt war sie weg, einfach weg!

Ein Stück Heimaterde wieder

Andreas Frenzel hatte mir diese überraschende Tatsache nach seiner Wanderung um den Keulenberggipfel herum am 11.November vormittags mitgeteilt. Ich war damals der Sprecher der Bürgerinitiative ,Keulenberg‘. Am Abend des 11.November, einem Sonnabend, rief Karlheinz Höfgen zur Karnevalseröffnung den Narren zu: ,Ich hatte einen Traum: Wir feiern Karneval, und am nächsten Tag gehen wir auf den Keulenberg.‘ Und genauso kam es am Nachmittag des folgenden Sonntags. Die Oberlichtenauer und Bewohner umliegender Dörfer stürmten zu Hunderten den Gipfel, um spontan ein Freudenfest zu feiern. Ich hatte eine kleine Rede vorbereitet. Ich sprach von einem historischen Datum, das am Ende einer langen Finsternis steht, begonnen am 24.April 1962 mit der Sperrung des Gipfels für den öffentlichen Zugang. Also nach 27 Jahren, sechs Monaten und 17 Tagen. Und: ,Die Schließung von 1962 war sinnlos und hat nur Bitterkeit und Ärger in der Bevölkerung und für unser Land auch nicht mehr Sicherheit gebracht. Aber schauen wir nicht zurück, erfreuen wir uns des Augenblicks! Wir haben ein Stück Heimaterde wieder!’

Mut der Oberlichtenauer

Wenige Tage zuvor, am 5. November, war erst unsere Initiative gegründet worden mit dem Ziel, mit für die Aufhebung der militärischen Sperrung zu kämpfen. Im Wochenendhäuschen von Hans Höfgen fand das alles statt, noch sozusagen konspirativ. Gründungsmitglieder waren besagter Hans, sein Zwillingsbruder Karlheinz, Johannes und Siegfried Moschke, Andreas Frenzel, Jens Schäfer, Bernd Günzel, Maik Förster und seine damalige Freundin und natürlich ich. Wir beschlossen einen Aufruf mit besagtem Ziel, den Andreas Frenzel und Karlheinz Höfgen vorbereitet hatten. Der sollte veröffentlicht werden. Zugleich wollten wir eine Eingabe an das Innenministerium der DDR, das ja für das Objekt der Zollverwaltung auf dem Berg zuständig war, vorbereiten. Dafür war ich verantwortlich. Diese sollte am 16.November auf einer Einwohnerversammlung verlesen werden. Es war in diesen Novembertagen also auch bei uns allerhand in Bewegung. Die Bürgerinnen und Bürger von Oberlichtenau und den Orten rund um den Berg unterstützten jetzt immer offener unsere Vorstellungen und Forderungen. Bis dahin musste man schon genau aufpassen, mit wem man über den Zugang zum Keulenberg sprechen konnte. Unser neuer Mut war gespeist aus unseren bisherigen Aktivitäten und den Entwicklungen im ganzen Land, ganz klar. Wir hatten selbst Ende Oktober im genannten Kreis festgestellt, dass die eingetretenen gesellschaftlichen Veränderungen unser Vorhaben vom Klima her, von der gesamten Atmosphäre her, begünstigen. Jetzt könnten auch Tabu-Themen öffentlich angesprochen werden.

Dynamik der Bürgerbewegung

Dass das uns dann alles förmlich überrollte, zeigt mir im Nachhinein die Dynamik dieser Bürgerbewegung vor 20 Jahren, auch wenn sie teilweise chaotische Züge trug. Endgültig vorbei war die Zeit, als Parteifunktionäre bestimmen wollten, was SED-Mitglieder und parteilose Bürger denken sollten. Ich durfte das nach dem 29. Juni 1986 kennenlernen, als ich im Rahmen der Volkskammerwahlen als Gemeindevertreter, SED-Mitglied und Einwohner von Oberlichtenau ein Anliegen öffentlich vertrat, man möge den Keulenberg freigeben. Nach circa einem Jahr Gehirnwäsche durch SED-Funktionäre gab ich auf, um schlimmere Folgen, auch für meine Familie, abzuwenden. Die einzige Antwort, die ich erhielt, war der Vorwurf der Parteifeindlichkeit, der politischen Provokation und der Untergrabung staatlicher Sicherheit.“

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