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2015-08-22

Es gibt kein Bier auf dem Berg - (Sächsische Zeitung - Kamenz)

von Reiner Hanke
Aber dafür einen neuen Zaun. Der teilt den Keulenberggipfel. Oberlichtenauer ärgert die Entwicklung.


Oberlichtenau. Staunend stehen derzeit Wanderer auf dem Keulenberg in Oberlichtenau vor einem grünen Zaun. Ein grau-schwarzes Eisentor und der Zaun trennen das Privatgelände jetzt von dem öffentlichen Teil des Gipfels. Im ehemaligen Gasthaus bereiten Mitarbeiter der Radebeuler Sozialprojekte, den Start für ein Jugendhilfeprojekt vor. Die Radebeuler sind Mieter. Einziehen sollen im „Haus Keulenberg“ neun 14 bis 27-jährige junge Menschen mit Suchtproblemen. Sie werden hier therapeutisch betreut. Der neue Eigentümer ist Jan Heimpold mit seiner Firma Heimpold Facility Management in Dresden. Er beendete mit dem Projekt erst einmal die zuletzt teilweise wenig erfolgreiche Gaststättentradition auf dem Gipfel.

Gipfelbesuchern wie Dieter Zumpe aus Dresden steht die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Gaststätte zu, Imbiss dicht. Hier hatte er gern mal ein Bier gezischt. Dafür habe er wegen des Zauns einen Umweg gehen müssen. Zum Glück sind die Sehenswürdigkeiten, z. B. der Aussichtsturm, zugänglich. Sie befinden sich wie der Imbiss Goldene Wurzel auf dem städtischen Bereich des Gipfels. In den letzten Jahren wurde er von den Gipfelwirten auf dem Privat-Areal mit bewirtschaftet. Auch der neue Eigentümer hatte der Stadt zugesichert, den Imbiss wieder flott zu machen. Das sollte schon passiert sein. Bürgermeister Peter Graff geht davon aus, dass der Umbau der Gaststätte einfach Priorität habe. Auch fehle es wohl noch am Personal. Gegenüber der SZ ließ Jan Heimpold am Telefon wissen, er sei derzeit im Urlaub, sehe aber eine Zukunft für die Wurzel und halte daran fest. Zugleich versprach er, noch genauer zu informieren. Die Stadt plant unterdessen parallel, falls es mit dem Imbiss nicht vorangeht und in dem Bewusstsein, dass es schwierig werde, den Imbiss wirtschaftlich zu betreiben, ohne die Gaststätte als Hauptstandbein oder ein anderes gastronomisch Unternehmen. So gibt es viele Überlegungen. Könnten sich in Oberlichtenau Interessenten finden oder ein Verein? Den gab’s ja schon mal.

Versäumnis der Kommune

Doch es kommt noch dicker. Die Kommune hat jetzt auch ihr einst aufwendig errichtetes Toilettengebäude auf dem Gipfel eingebüßt. Das Haus entstand nach der Wende dummerweise nicht auf dem Gemeindegrund des heutigen Ortsteils Oberlichtenau. Beim Verkauf des Areals durch die Treuhand-Gesellschaft, hätte zumindest der Abschnitt mit dem WC-Gebäude damals ausgegliedert werden müssen. Das habe die Kommune offenbar versäumt, heißt es aus dem Pulsnitzer Rathaus. In Verhandlungen zum WC mit dem neuen Eigentümer sei die Stadt abgeblitzt. Zum Beispiel hätte das neue Tor, ein paar Meter verlegt werden können, hinter das Sanitärgebäude. Die neue Nutzung des Geländes schließe das aber aus, so die Begründung.

Noch gilt der Plan, dass sich Jan Heimpold selbst um neue Toiletten am Imbiss kümmert. Falls er sich aber zurückziehe, wolle die Stadt prüfen, ob die Wurzel auch ohne WCs öffnen könnte. Oder selbst erneut in die Kasse greifen. Doch selbst das hat einen Haken. Wasser, Abwasser, Strom: Alles läuft über das Privatgelände. Eine verfahrene Kiste. Im Stadtrat hatten Abgeordnete in der Vergangenheit den Bürgermeister mehrfach vor dieser Situation gewarnt und angeregt, die Systeme zu trennen. Der Rathauschef räumt nun ein: Solange es Gaststätte dort oben war, sei das ja kein Thema gewesen und gibt zu, vom Verkauf selbst überrascht worden zu sein. Der Alteigentümer habe die Stadt nicht informiert, dabei sei man immer offen auf ihn zugegangen. Dass die Stadt möglicherweise das ganze Gelände gekauft hätte, schließt er eher aus. Es sei nicht Sache einer Kommune, Gaststätten zu betreiben oder ein solches Gelände zu bewirtschaften.

Touristisches Highlight

Dazu gehen die Meinungen auseinander. Es sei ein trauriges Bild, die WCs eingebüßt, die Goldene Wurzel zu, so CDU-Stadtrat Reiner E. Rogowski. Die Kommune habe den Zug wohl mehrfach verpasst, auf die Entwicklung Einfluss zu nehmen. Er wolle sich da als Stadtrat nicht aus der Kritik ausnehmen. Das Ganze sei umso kritischer, weil öffentliche Gelder flossen. Im Zuge des Verkaufs hätte sich die Stadt den Sanitärbau sichern müssen. Aus heutiger Warte sogar das ganze Areal, sozusagen als Hausberg. Ein solcher Gipfel sei auch als touristisches Highlight ein Kapital. Jetzt sehe er für den Imbiss allein ebenfalls eine schwierige Situation. Das werde wohl ein Gastronom mit viel Heimatliebe sein müssen. Auch für Veranstaltungen seien die aktuellen Bedingungen ungünstig.

Unterdessen gab der Stadtrat der neuen Nutzungsart der bisherigen Baude seinen Segen, wenn auch bei einigen Enthaltungen und Gegenstimmen. Und zu eilig, findet Holger Längert (Linke). Vielleicht wäre doch noch auf baurechtlichem Weg, Einfluss auf das Projekt möglich gewesen.

Spricht man mit Leuten am Fuße des Berges, so ist wenig Begeisterung für das Projekt vorhanden. Das hat weniger etwas mit den jungen Leuten zu tun. Es sei einfach jammerschade, dass das Gelände nun für den Ort verloren sei. Auch die große Wiese sei futsch, auf der nach der Wende Vogelschießen war und Steinestoßen mit Keuli. Zwar sei es nicht das ganze Gelände, aber immerhin gewaltige 25 000 Quadratmeter. Eine Frau sagte bitter: Es erinnere schon ein bisschen an damals zu DDR-Zeiten, als der Gipfel dichtgemacht wurde.

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