Wunderpflanze auf dem Keulenberg.
An der alten Straße von Alt-Strelitz nach Neu-Brandenburg, etwa 13/4 Meilen von ersterer Stadt entfernt, liegt, hoch und romantisch in einer prächtigen Laubholzwaldung, der Zechow genannt, das Kruggehöft Rodenkrug. Häufig wird dieser Ort von Freunden der Natur besucht, um von hier aus den nahen Keulenberg, eine beträchtliche, ebenfalls mit Laubholz bewaldete Anhöhe, zu besteigen. Zur größeren Bequemlichkeit der Besucher ist die eine Seite des Keulenberges mit allerlei Partien, Wegen und Gängen, Lauben und Beeten, versehen worden. Früher sollen sich die Anlagen auf der entgegengesetzten Seite des Berges befunden haben, dann aber verschüttet und hierher, nach ihrem jetzigen Orte, verlegt worden sein. Den Grund zu dieser Veränderung soll eine gar seltsame Pflanze gegeben haben. Man erzählte mir hierüber Folgendes.

Sobald es Mittags Zwölf zu schlagen begann, spaltete sich mit einemmale die Erde auf dem betreffenden Rondell, und eine schauerlich aussehende, distelartige Pflanze wuchs plötzlich und schnell daraus hervor. Diese Pflanze, Blume, oder was es sonst gewesen sein mag, bildete gleichsam zwei menschliche Arme mit ineinandergerungenen Händen, Alles aber, wie bei den Disteln, mit Stacheln besetzt; unten am Stiele des Gewächses erschienen außerdem noch zwei Menschenköpfe, die ebenfalls über und über mit Stacheln oder Dornen bedeckt waren, aber nie ganz aus der Erde wuchsen und somit nicht ordentlich zum Vorschein kamen. Mit dem letzten Schlage [420] der Mittagsstunde zog sich die Pflanze schnell wieder in die Erde hinein und Alles war spurlos verschwunden.

Weit und breit war das Wunder von dem geisterhaften Erscheinen dieser sonderbaren Pflanze bekannt. Ein Pächter und ein Pastor, die beide in der Nähe des Keulenberges wohnten, wollten sich einmal selbst überzeugen, was Wahres an der Sache sei. Sie fuhren deshalb mit ihren Familien eines schönen Sommervormittags so aus, daß sie kurz vor 12 Uhr am Orte waren. Mit dem ersten Schlage der Mittagsstunde zerbarst die Erde und die Pflanze wuchs, wie sie bereits beschrieben, schnell hervor. Alle schauderten; der Pastor aber nahm gefaßt seinen Stock und fuhr damit über das wunderbare Gewächs hin und her, machte Kreuze darüber und besprach es, was aber keiner der Umstehenden verstehen konnte. Plötzlich jedoch fiel er ohnmächtig in die Arme des am nächsten bei ihm stehenden Pächtersohnes. Sein Stock war unten wie verkohlt, sein Arm aber, in welchem er denselben gehalten, war gelähmt und ist dies auch stets geblieben. Ueber den Ursprung der Wunderpflanze konnte ich nichts weiter ausfindig machen, als daß dort früher an ihrer Stelle ein Meuchelmord begangen worden sein soll.

Niederh. 3, 193 ff.

Quelle:  Karl Bartsch: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg 1–2. Band 1, Wien 1879/80, S. 419-420.
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Kategorien:  Literatur · Deutsche Literatur
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